Nevada, USA

Las Vegas

Am 5. Juli fliegen wir schliesslich nach Las Vegas  -  Die Stadt des Glücksspiels, der Megashows, der Lichter, der Superlativen. Bereits beim Einchecken in unserem Hotel „Flamingo“ - direkt am Strip an bester Lage gelegen - sind wir ob der lauten, grölenden (und sehr oft zugedröhnten/aufgeputschten) Menschenmassen etwas überfordert. Im Lift zum Zimmer treffen wir auf zwei extrem wache Männer, welche uns mit „Am Mittwoch haben wir das letzte Mal geschlafen (Anmerkung: Es ist jetzt Sonntag), have fun guys!“ begrüssen. Es scheint als wären alle Touristen nach Monaten des Zuhause-Rumsitzens süchtig nach Ablenkung, als müssten sie nun alles Nachholen, was sie in der vergangenen  Zeit verpasst hatten. 

 

Leider sind die Casinos jedoch auch die einzige Möglichkeit, um sich von der aktuellen Pandemie abzulenken. Und in den USA grassiert diese anscheinend gerade in ausufernden Massen. Aus diesem Grund erscheinen uns die hier getroffenen Massnahmen abstrus und gegensätzlich. Im Casino darf man, zwar mit Abstand, am selben Tisch Roulett spielen. Die Spielsteine werden herumgegeben, ohne desinfiziert zu werden, dafür sitzt der Croupier hinter einer Plastik-Trennscheibe. Die ehemals „einarmigen Banditen“ sind jetzt neueren Modellen gewichen, das simple Prinzip des zufälligen Knopfdrückens ist jedoch geblieben. Die Gäste rotieren durch den Saal, ohne dass danach die Konsolen abgewischt werden würden. Hauptsache alle tragen einen Mundschutz. Die grossen Shows wurden alle abgesagt. Hier hat man anscheinend keine Lösung finden können. Wobei es doch gerade hier vergleichsweise einfach gewesen wäre: Einfach Abstand zwischen den Stühlen lassen und halt nur halb volle Sääle bespielen. Dafür wäre jeder in seinem Stuhl sitzen geblieben. In den grossen Hotels spazieren tausende Touristen durch die Gänge, halten sich z.B. an den Rolltreppengeländern fest, drücken auf Liftknöpfe, lehnen sich an die aufgestellten Fotokulissen. Aber Kleider dürfen in den geöffneten Shops nicht anprobiert werden. 

 

Aus der schwülen Hitze der Südstaaten kommend empfinden wir das trockene Wüstenklima im ersten Moment als extrem angenehm. Nach 3 Tagen können wir uns jedoch nicht mehr entscheiden, ob nicht doch eher 40 Grad im Schatten und vor Hitze brennende Haut sowie jeweils ein kühner Sprint ins nächste gekühlte Geschäft anstrengender sind. Natürlich vermuteten wir das im Vorfeld und haben wohlweislich ein Hotel mit grosser Poolanlage gebucht. Leider wurde diese teilweise geschlossen, wegen Corona, und täglich werden nur ca. 120 Personen reingelassen. Das heisst in einem Hotel mit ca. 3’500 Gästen, darf man morgens ab ca. 7.00 Uhr anstehen, damit um 8.30 Uhr die ersten 120 reingelassen werden. Wir haben uns entschieden, im klimatisierten Zimmer mit Riesenbett gemütlich auszuschlafen und uns dann ein riesiges Frühstück im nahen Caesars Palace zu gönnen. Tagsüber schlendern wir durch die riesigen Hotelanlagen und bewundern die nachgebauten römischen Brunnen und Statuen, die venezianischen Gondolieri in den Kanälen, die französischen Cafés, italienischen Pizzerias, amerikanischen Imbissbuden… alles natürlich drinnen in den jeweiligen Hotels aufgebaut, die Gänge überspannt mit unechten Himmeln, damit man nicht mehr merkt, ob gerade Tag oder Nacht ist. Und die Casinos scheppern, klingeln und vibrieren im Takt der eingeworfenen Münzen und hoffnungsvollen Glücksspielern. 

 

Um dem Lärm zu entkommen verziehen wir uns regelmässig nach draussen: Die berühmten Wasserspiele vor dem Bellagio Hotel sind ein eindrückliches und wundervolles Schauspiel, alle 15 Minuten wird eine neue Show zu einem anderen Musikstück abgespielt. Wir sind erstaunt, was man aus simplen Wasserspeiern alles herausholen kann: Zum Takt der Musik bewegen sich diese mal marschierend, mal verführerisch wippend, mal pumpen sie zum wummernden Beat gerade Wassersäulen in die Luft, mal tanzen sie ausgelassen im Kreis um danach in einer kleinen Explosion zum grossen Finale hoch in den Himmel zu schiessen. Wenn wir Glück haben und der Wind richtig steht kommen wir sogar in den Genuss einer kurzen Abkühlung. 

 

Zweimal gönnen wir uns ein exklusiveres Abendessen. Zuerst müssen wir jedoch mal herausfinden, wie wir überhaupt zu einem Tisch kommen. In jedem Restaurant werden wir mit den Worten abgewiesen „ohne Reservierung kein Tisch“. Per Zufall entdeckt Sabrina den Hinweis auf die App „open Table“. Hier können wir dann auch gleich einen Tisch für in 15 Min. reservieren. Komisch, dass das direkt bei m Restaurant nicht möglich war… Aber wir haben längst aufgehört zu hinterfragen.

Beim ersten Mal ergattern wir einen Tisch im Restaurant „La Fontana“ im Bellagio-Hotel. Hier haben wir neben dem wirklich unheimlich leckeren Essen noch einen super Ausblick auf die viertelstündigen Wasserspektakel draussen im grossen Becken. Der saftige Preis macht sich deshalb bezahlt. 

 

Beim zweiten Mal essen wir im Restaurant „Trevi“ im Caesars Palace. Mitten im Hotel wurde eine Art italienischer Einkaufsstrasse nachgebaut mit Einkaufsläden, Gelaterias, Bänken aus umgeworfenen Säulen um sich etwas auszuruhen (weil sehr weitläufig!) und mitten drin ein Brunnen, dem römischen Trevibrunnen nachempfunden (auch wenn der hier rund ist, der echte Trevi-Brunnen jedoch rechteckig und an einen Palazzo angebaut). Die Pizzas sind nicht mit den originalen in Italien zu vergleichen und doch um einiges besser als andere Pizzas, die wir in den USA gegessen haben. Dafür macht der Brunnen einen Heidenlärm und wir müssen uns beinahe anschreien um eine Unterhaltung führen zu können. Also ganz wie in Italien :-)

 

Nur einmal gesellen wir uns zu den Spielsüchtigen und versuchen ebenfalls unser Glück. Die meisten der aufgestellten Automaten wirken für uns komplett unverständlich (Sex and the City? My little Pony? Irgendein japanischer Tausendfüssler mit Riesenaugen???). Wir setzen uns an einen Old-School-Kasten, werfen einen Dollar ein, drücken zum Spass mal auf „5“… die Zahlen drehen sich, keine Reihe, FERTIG. Was?! Wir hätten doch 4 mal drücken dürfen sollen, 25 Cent per Druck? Ah sooo, wir haben alle fünf Reihen ein Gewinn (fragt nicht, ist kompliziert) ausgewählt, was 1 Dollar kostet. Wir stehen da, verstehen irgendwie den Spass nicht an dem Ganzen und gehen lieber etwas trinken. Ernsthaft: Wir verstehen diese Menschen nicht. Da sitzen Omas, Familienväter und -mütter, Paare, Singles, die meisten wirken jetzt nicht wahnsinnig wohlhabend… und schmeissen Dollars um Dollars in die Maschinen, sitzen zum Teil völlig apathisch da und drücken auf die Knöpfe… Was genau ist daran der Spass?! Eher sympathisieren wir noch mit den meist jungen Männern an den Roulett-Tischen, die sich gegenseitig Anspornen, auf die Schultern klopfen und nervös von einem Fuss auf den anderen Wippen. Auch wenn sie wahllos ihr Geld auf irgendwelche Zahlen und Farben verteilen, sich einreden mit System zu spielen und schlussendlich doch nichts gewinnen, ist hier wenigstens noch der Spass am Ganzen zu sehen und zu hören. 

 

New Ride

Schliesslich kommt der Moment, wo wir aus dem Hotel auschecken und uns mit unseren 3 Rucksäcken ins Uber setzen. Wir haben von Las Vegas aus einen Camper gemietet, mit dem wir nun die westlichen Nationalparks abfahren wollen, oben im Norden gehts an die Westküste und dann dieser entlang auf dem berühmten Highway Nr. 1 wieder südwärts bis Los Angeles, wo wir den Camper Anfang September wieder abgeben werden. Dann sind unsere erlaubten 3 Monate in den USA rum und ungefähr dann werden wir uns wieder Gedanken zu unseren weiteren Plänen machen. Wenn wir eins von Corona gelernt haben dann: Pläne sind Scheisse. Spontaneität, Flexibilität und Erfindungsreichtum sind das neue Motto. 

 

Etwas ausserhalb von Las Vegas in einem verlassenen Industriegelände treffen wir also beim Campervermieter Escape Campervans ein. Doch die Sterne stehen aktuell anscheinend ziemlich ungünstig und so beginnt auch unser nächstes Abenteuer. Als wir den Van via VISA-Karte bezahlen wollen erhalten wir die Info, dass das nicht geht, da das Monatslimit erreicht ist. Denn stimmt ja, in den USA können wir beinahe nur mit unserer Visa-Karte bezahlen. Und natürlich funktionieren unsere Maestro-Karten hier nicht. Aufgrund der 9h Zeitverschiebung können wir leider auch nicht unsere Banken in der Schweiz erreichen, da dort gerade mitten in der Nacht ist. Wir haben Glück, es ist per Zufall und nur heute jemand aus der Buchhaltung da der uns anbietet, wenn wir das Bargeld auftreiben, können wir dieses über ihn einzahlen lassen. Adrian marschiert also los um in der gleissenden, sengenden Hitze Nevadas (wir haben bereits davon erzählt) einen Bankomaten aufzutreiben. Ein Auto haben wir ja noch nicht, ein Uber finden wir nicht in dieser Abgeschiedenheit nicht auf die Schnelle. Er kann tatsächlich in mehreren Auszahlungen à jeweils 400.-$ pro Transaktion insgesamt 3’000.- $ Bargeld auftreiben. Aber dann macht uns das Sicherheitssystem der Banken einen Strich durch die Rechnung. Anscheinend kann nur eine bestimmte Anzahl Transaktionen pro Tag durchgeführt werden. Dann werden die Karten gesperrt. Da spart man Geld für eine Reise aber darf es nicht ausgeben!

 

Zähneknirrschend müssen wir vereinbaren, dass wir am nächsten Tag nochmals wiederkommen mit dem gesamten Geldbetrag. Wir erhalten den Van nämlich erst gegen Bezahlung der gesamten Summe. 

 

Wir googeln nach einem günstigen Hotel in der Nähe und lassen uns da hin chauffieren. Schleppen unsere 3 Rucksäcke durchs natürlich auch hier vorhandene Casino bevor wir ca. 30 Min. vor der gammeligen Hotelreception Schlange stehen. Dort angekommen glauben wir einen Höhrsturz zu haben. Das Zimmer kostet 150.- $. Mein Hinweis, auf der Website hiess es, das Zimmer koste nur ca. 40.-$ tut der Angestellte mit einem „da fehlen noch Taxes und andere Zuschläge und Spezialpreise kann man leider nur Online buchen“ ab. Wir waren gerade 4 Nächte in einem Hotel direkt am Vegas Strip und haben pro Nacht 34$ bezahlt. Klar, ein Sonderangebot, aber wir sind trotzdem nicht gewillt, nun fast 5x soviel für eine lumpige Absteige zu bezahlen. Adrian macht sich wieder auf den Weg, um bei einem nahegelegenen Hotel anzufragen. Dieses stellt sich jedoch als permanente Wohnungen zum mieten heraus, ansonsten gibt es nur noch Campingplätze in der Nähe - aber eben, wir haben ja noch keinen!!! 

 

Also entscheiden wir uns nun doch, das überteuerte Zimmer zu nehmen. Doch nun stellt sich heraus, dass wir dieses nur - ihr habt es erraten - über besagte verd******* Visa-Karte bezahlen können. Keine Maestrocard, kein Bargeld, keine Prepaid Kreditkarte! Nur Kreditkarte. Wir haben also um die 4000 $ Bargeld in der Hosentasche, und kriegen trotzdem kein Hotelzimmer… 

Etwas Gutes hat dieses Hotel trotzdem zu bieten, wir finden in der Lobby einen Geldautomaten der noch Bargeld ausspuckt, nun haben wir genug um die Campermiete am nächsten Tag zu bezahlen, Aber auch mit 5’500.- gibts kein Hotelzimmer.

Leider können wir nun auch kein Uber mehr bestellen, der Betrag wird dort direkt von der (natürlich) VISA-Karte abgezogen, und wir müssen den letzten Rest sparen um morgen wieder zum Camperquartier fahren zu können.

 

Also satteln wir unsere 3 Rucksäcke (sie sind in der Zwischenzeit nicht leichter geworden) und laufen der Hauptstrasse entlang auf der Suche nach weiteren Hotels. Wir überlegen uns unterwegs, hinter welchen Busch wir uns für die Nacht verziehen könnten, hinter vielen davon liegt jedoch bereits jemand… Also auch keine echte Alternative. Nach beinahe 45 Minuten schleppen erreichen wir ein weiteres Hotel, das jedoch um einiges besser als das Vorherige aussieht. Naja, Geld haben wir ja… Sabrina fühlt vor beim Receptionisten. Dieser meint ebenfalls, es würden hier nur Kreditkarten akzeptiert erklärt sich jedoch bereit, ein paar Hotels in der Umgebung anzurufen, da er nicht glauben kann, dass alle kein Bargeld annehmen. Nach 10 Minuten erkennt auch er das Problem. Sabrina zieht alle Register, erzählt die ganze Geschichte, drückt auf die Tränendrüse, zieht die Geldkarte, fragt um Ratschlag… Und tatsächlich, er lässt sich erweichen. Meint, wir müssten einfach 300.- $ Pfand hinterlegen, falls wir das Zimmer verwüsten würden. Kein Problem für uns, wir fühlen uns von der Hitze völlig erschlagen und werden heute wohl keine Rockstar-Party mehr veranstalten. Das Zimmer selbst kostet sogar nur 70.-$. Wir können uns fast nicht halten vor erleichtertem Lachen über diese bizarre Situation. Am nächsten Tag sollen wir einfach unseren Zimmerschlüssel abgeben, dann würden wir das Pfand zurück erhalten. Auf unsere Frage, ob denn zuvor noch jemand das Zimmer kontrollieren wolle, von Wegen allfälliger Verwüstungen, winkt er ab. Aufgrund von Corona dürfe das Zimmerpersonal das Zimmer erst betreten, wenn wir das Hotel verlassen haben. Wir schütteln innerlich den Kopf aufgrund einer weiteren abstrusen und sinnfreien Corona-Regel, die wir nicht verstehen können. Aber wir haben ein Bett und ein Dach über dem Kopf, der Rest ist uns egal. Das Zimmer ist gross und sauber, die Betten sehr bequem und wir fallen nach dem anstrengenden Tag in einen tiefen, erholsamen Schlaf. 

 

Neuer Tag, neues Glück, wir können es fast nicht fassen: Ohne Probleme lösen wir um ca. 11 Uhr vormittags den erwähnten Campervan aus. Das ist uns jetzt fast zu schnell gegangen :-)

Es ist ein Ford Maverick, mit Punkten in allen Farben verziert. Abends müssen wir die Rückbank umbauen um ein Bett daraus zu machen, um zu kochen öffnen wir die hinteren Türen, wenns regnet werden wir halt nass. Ein Klo gibt es hier nicht, ebenso keine Dusche. Ein wehmütiger Seufzer in Erinnerung an unseren armen Camper in Chile entfleucht unseren Mündern. Aber voilà, hier stehen wir nun, dafür hat der hier eine schönere Farbe. Die farbigen Punkte werden unterwegs für viele Blicke, Gewinke und Komplimente sorgen, einige wollen sich sogar vor dem Auto fotografieren lassen. Da haben sich die Leute von Escape Camper was kleveres einfallen lassen. Quasi Marketing umsonst. 

 

Wir fahren nun jedenfalls endlich wieder im eigenen Auto los Richtung… Einkaufszentrum. Bevor wir ins Abenteuer aufbrechen müssen wir zuerst noch einiges organisieren:

  • Lebensmittel
  • Küchenmaterialien wie Küchenpapier, Schneidebretter, usw. 
  • Verstau-Kisten um Ordnung in unsere Dinge wie Kleider, Toilettensachen, usw. zu bringen (vor allem für Sabrina sehr wichtig)
  • Ein bisschen Deko (HEI! Die Girlande ist nicht nur Schick sondern macht auch Licht wenn wir Abends essen!) :-)
  • Handy-Abo verlängern und erweitern (selbst wenn die Uhrzeit für ein Telefon in die Schweiz nicht das Problem gewesen wäre, hätten wir nicht in die Heimat telefonieren können. Unser T-Mobile Abo gilt nämlich nur für Internet. Drum muss ein anderes Abonnement her, damit wir endlich unsere Kreditkartenlimite hochschrauben können)

Gegend den späten Nachmittag verlassen wir endlich Las Vegas und fahren los Richtung Grand Canyon. Die erste Nacht verbringen wir auf einem Stellplatz zwischen Autobahn und Wüste irgendwo in Arizona. Eine Spinne springt Sabrina ans Bein, es ist so heiss, dass wir alle Türen und Fenster weit geöffnet haben (Schlangen erscheinen uns gerade als kleineres Übel als im Schlaf den Hitzetod zu sterben) - aber wir schlafen schlussendlich, endlich, endlich wieder on the Road, in unserem eigenen Zuhause bei nächtlichen 35°C ein.

 

Relativ früh fahren wir am folgenden Tag los: Wir sind voller Energie zu Entdecken und zu Staunen. Wir frühstücken erstmal in einem typischen oldschool amerikanischen Restaurant (inkl. obligaten Elvis- und Marylin-Bildern an den Wänden) in kitschigen Pastelltönen - natürlich gibts Pancakes mit Sirup und Kaffee mit „Refil“ (Nachfüllen). Dann führt uns unser Weg für eine Weile auf die berühmte Route 66. Selbstverständlich machen wir auch einige Fotos von alten abgestellten Autos aus den guten alten Tagen und von der geraden Strasse an sich, welche die USA einmal quer durchschneidet und eine Reise für sich Wert ist.